
Bitte Anklopfen!
In den neunziger Jahren habe ich im Schreibbüro der Chirurgischen Ambulanz eines Krankenhauses gearbeitet und war für das Schreiben von Arztbriefen, OP-Berichten und Unfallberichten zuständig.
Fertig bearbeitete Unterlagen wurden in Mappen abgelegt, die zum Unterschreiben in das Chefzimmer gebracht wurden.
Mein damaliger Chef war ein recht kauziger Typ, der es mit der Ordnung nicht so genau nahm. Die meiste Zeit seines Arbeitstages verbrachte er im Operationssaal, alles andere interessierte ihn herzlich wenig. So sah auch sein Schreibtisch aus.
Aktenberge, Karteikarten, Röntgenbilder und vieles mehr stapelten sich mitunter so hoch, dass man den Doktor nicht mehr an seinem Schreibtisch sitzen sehen konnte.
Eines Nachmittags wollte ich meinen Chef, zum Unterschreiben einiger Briefe, einen Besuch abstatten. Ich ging den langen Flur hinunter, klopfte an seine Tür und wartete artig auf sein „Herein“.
Nachdem ich sein Chefzimmer betreten hatte, war ich sehr verwundert, denn der Herr Chefchirurg saß an einem aufgeräumten Schreibtisch.
„Huch“, sagte ich, „man kann Sie ja direkt sehen, wie ungewohnt“.
„Jaaaa“, sagte er daraufhin, „ich habe gerade aufgeräumt!“.
Daraufhin strahlte er mich stolz an und zog gleich mehrere Schubladen auf.
Jede von ihnen war brechend voll mit genau den Akten und Unterlagen, die zuvor auf seinem Tisch gelegen hatten.
Daraufhin antwortete ich etwas ironisch:“ Na, das haben Sie aber schön gemacht.“
Schließlich wollte ich ihn nicht enttäuschen, wo er doch so hart an sich gearbeitet hatte.
Ich legte ihm die Unterschriftenmappen vor und wollte das Zimmer wieder verlassen.
Allerdings war ich von seiner Aufräumaktion derart irritiert, dass ich beim Hinausgehen von innen an die Tür klopfte. Als ich bemerkte, was ich getan hatte, zuckte ich innerlich zusammen.
Ich schaute über meine Schulter zurück und sah direkt in das breite Grinsen meines Chefs.
Zu diesem peinlichen Malheur fiel mir auch nichts mehr ein, außer dass ich meine Stirn gegen das kühle Holz der Tür lehnte und dachte, was ich doch manchmal für ein Trottel bin.
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
Druckversion
Einem Freund senden







(2).jpg)
.jpg)
Neueste Kommentare
vor 29 Wochen 1 Tag
vor 1 Jahr 22 Wochen
vor 2 Jahre 47 Wochen
vor 2 Jahre 47 Wochen