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Nerviger Besuch

Eigentlich bin ich ein geselliger Mensch und habe gerne Besuch.

Allerdings habe ich mittlerweile gelernt, dass Fisch und Besuch eines gemeinsam haben: Sie fangen nach drei Tagen an zu stinken...

Zu dieser Erkenntnis gelangte ich im November 2006, als mein Mann André (der beste Webmaster der Welt) und ich, seit knapp einem Jahr in Schweden wohnten.

 

Von Anfang an hatten wir große Schwierigkeiten, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen.

Einen deutschen Bekanntenkreis konnten wir uns ebenso wenig aufbauen, da in unserer Region kaum Deutsche lebten.

Über den Besuch, der sich für ein Wochenende im November ankündigte, freuten wir uns sehr. Besonders deshalb, weil es sich um einen Bekannten handelte, den wir in einer vermeintlich christlichen Community kennen gelernt hatten und schon länger telefonischen Kontakt pflegten.

André und ich hatten über einen längeren Zeitraum sehr viel gearbeitet und uns an den Wochenenden nur sehr selten gesehen.

Umso mehr freuten wir uns auf dieses gemeinsame Wochenende mit unserem Bekannten. Noch ahnten wir nicht, wie schnell uns dieser auf die Nerven gehen würde.

Eines Freitag Abends kam unser Besuch, nennen wir ihn Torsten, zu uns, um das komplette Wochenende mit uns zu verbringen.

Den Vorschlag, erst am Montag Morgen nach Hause zurück zu fahren, hatte natürlich Torsten gemacht.

Nichts ahnend erklärten wir uns einverstanden. Torsten wohnte rund zweihundert Kilometer von uns entfernt.

 

Der Fairness wegen sollte ich erwähnen, dass Torsten ein alleinstehender Junggeselle im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren war. Eigentlich in unserer heutigen Zeit nichts ungewöhnliches, allerdings handelte es sich bei Torsten um eine Sorte Mensch, die ich gerne als „Lebensidiot“ bezeichne.

Unter diesen Lebensidioten verstehe ich Menschen, die nichts geregelt kriegen, egal was sie versuchen.

Klar, jeder kennt solche Phasen, in denen nichts so läuft, wie man es gerne hätte. Aber so lange es sich nur um eine Phase handelt, ist doch alles in Butter.

Echte Lebensidioten sind da ganz anders...

 

Torsten hatte es in seinen ganzen 34 Jahren nicht geschafft, dass sich eine Frau für ihn interessiert. Dementsprechend groß war auch seine Verzweiflung.

Dass Frauen diese Art der Verzweiflung geradezu riechen können und mit Ablehnung darauf reagieren, hatte dem armen Kerl wohl niemand erzählt.

Torsten hatte etwas an sich, das man in Norddeutschland als „dröge“ bezeichnen würde.

Er war einfach nur extrem trocken, unlustig und verfügte über die Mentalität einer Schlaftablette. 

Stundenlang beklagte er sich über seine Lebenssituation und konnte wiederum mit Verbesserungsvorschlägen nichts anfangen.

Scheinbar genoß er es, jeden mit seinem Gejammer auf den Keks zu gehen. Schnell stellten wir fest, dass Torsten bislang wenig erlebt hatte, denn sämtliche Geschichten, die er uns erzählte, hatten wir bereits am Telefon gehört.

 

André und ich waren bereits etwas genervt von Torsten, als wir an diesem ersten Abend ins Bett gingen.

Samstag fuhren wir in die nächstgelegene Stadt, um für etwas Abwechslung zu sorgen.

Bereits zu diesem Zeitpunkt ärgerten wir uns, dass wir uns das komplette Wochenende derart versaut hatten.

Ich hielt es für eine nette Idee, ein paar Flaschen Wein zu besorgen. So würde der kommende Abend wenigstens erträglich werden.

Da es in Schweden außer Leichtbier keinen Alkohol in den Supermärkten zu kaufen gab, fuhren wir in ein Systembolaget. In diesen Läden gibt es sämtliche Sorten Alkohol, die man auch in Deutschland kennt, nur viel teurer.

Wir kauften ein paar Flaschen Wein, in der Hoffnung, dass auch Torsten eine bezahlen würde, zumal ich für das Wochenende große Mengen zu essen vorbereitet hatte.

Von alleine wäre Torsten niemals auf die Idee gekommen, eine der Flaschen zu zahlen. Nachdem André ihn fragte, zückte er zähneknirschend seine Geldbörse.

 

Als der Tag sich dem Ende neigte und wir Torsten's Gejammer  zugegebener Maßen nicht mehr hören konnten, öffnete ich den Wein.

Ich dachte mir, dass man ihn mit einem kleinen Schwips besser ertragen könnte.

Leider hatte ich mich mächtig getäuscht, da Torsten zu den Menschen gehörte, die nach einem Glas Wein absolut unerträglich wurden.

Von einem lustigen Abend konnte nicht die Rede sein, weil Torsten von Tropfen zu Tropfen weinerlicher wurde und sich darüber beklagte, dass er so wenig Glück bei den Frauen habe. Ich konnte die Frauen übrigens sehr gut verstehen, bloß wollte ich ihm das nicht erzählen.

Als wir endlich im Bett lagen, war ich froh, dass dieser Tag zu Ende ging.

 

Sonntag hatten wir dann endgültig von Torsten die Nase voll. Dass ich ihn nicht noch einmal einladen würde, beschloss ich am Nachmittag, als wir gegessen hatten.

Wir hatten damals keine Spülmaschine, aber einen riesigen Berg mit dreckigem Geschirr, das sich nach dem Mittagessen stapelte.

Also begann ich mit der Arbeit. Torsten ließ sich selbstverständlich nicht blicken.

 

Etwa eine halbe Stunde später war ich fast fertig. Ich legte das letzte abgetrocknete Messer in die Schublade, als Torsten in die Küche kam und fragte:“ Kann ich etwas helfen?“.

Etwas resigniert erwiderte ich:“ Nein, danke. Ich bin gerade fertig.“

Das war der Punkt, an dem ich beschloss, dass Torsten zu der Sorte Besuch gehört, die nach drei Tagen stinken. Und zwar gewaltig!!!

 

Etwa 6 Wochen später lag ein Umzug vor André und mir und wir hatten noch keine Umzugshilfe gefunden.

Also riefen wir kurzerhand Torsten an und fragten, ob er zu uns kommen würde.

Nach kurzem Überlegen erwiderte er, dass sich das für ihn nicht lohnen würde.

Schließlich würde ja eine Strecke von rund 200 Kilometern vor ihm liegen.

Wir waren fassungslos und beschlossen daraufhin, nie wieder Kontakt zu diesem Lebensidioten aufzunehmen.

Glücklicher Weise ist uns das bis heute auch geglückt.