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Von alten Damen und kleinen Kaninchen

Mitte der achtziger Jahre zogen meine Eltern mit meinem damals 16- jährigen Bruder und mir, damals zwölf Jahre alt, von Bremen nach Ostfriesland.

Für mich war am Landleben besonders reizvoll, dass wir uns endlich ein paar Haustiere zulegen konnten.

Zuerst zog eine kleine Katze zu uns, es folgte ein Hauskaninchen, das leider etwas später der Kaninchenseuche erlag.

Deshalb entschied ich mich für ein kleines Zwergkaninchen, das nicht, wie sein Vorgänger im Schuppen wohnen sollte, sondern in meinem Zimmer.

 

Zu der Zeit hatten wir eine ältere Nachbarin, nennen wir sie einfach Frau Goldmann.

Frau Goldmann stammte ursprünglich aus Berlin und wohnte direkt auf dem benachbarten Grundstück in einem kleinen Häuschen. Ihr Ehemann war seinerzeit zur See gefahren und schon viele Jahre zuvor verstorben.

Die alte Dame war damals etwa achtzig Jahre alt, stark übergewichtig und nicht sonderlich gut zu Fuß. Außerdem wollten ihre Augen nicht mehr so recht.

Frau Goldmann war allerdings sehr eigenwillig und weigerte sich strikt, einen Arzt aufzusuchen.

Eines Tages kam sie zu uns und trank eine Tasse Tee, so wie es sich für einen ordentlichen Ostfriesen gehört.

 

Mein Zwergkaninchen „Groby“ machte derzeit häufig die Wohnung außerhalb des Käfigs unsicher und spazierte munter durch Küche und Wohnzimmer.

Frau Goldmann saß am besagten Tag an unserem Küchentisch, schlürfte ihren Tee und stand plötzlich von ihrem Stuhl auf, um hocherfreut auszurufen: „Ach, da ist es ja. Das ist ja niedlich!“.

Ich folgte ihrem Blick und fragte mich, was sie denn dort gesehen hatte.

 

Ich war völlig ratlos, als sie ausrief:“ So ein niedliches Kaninchen!“.

Meine Mutter und ich folgten nochmals ihrem Blick, der an der halb geöffneten Wohnzimmertür hängen blieb.

Zum Offenhalten hatte mein Vater seinen Hausschuh zwischen Tür und Rahmen geschoben.

Frau Goldmann war völlig begeistert von dem niedlichen „Kaninchen“.

Meine Mutter und ich wollten ihr ungern sagen, dass es sich nicht um ein Kaninchen, sondern um einen Hausschuh handelte.

Aber es blieb uns wohl nichts anderes übrig, deshalb holte ich das echte Kaninchen aus meinem Zimmer. Die alte Dame trug es glücklicher Weise mit Humor.

Dies sollte noch längst nicht alles sein, was wir mit der lustigen Berlinerin erleben sollten.

 

Einige Wochen später stürzte Frau Goldmann, als sie auf dem Weg zu unserem Haus war.

Sie stolperte auf einem kleinen Holzsteg, der ihr Haus von unserem trennte.

Ihr Gewicht sorgte dafür, dass der Steg brach und sie mit ihrem Hinterteil in dem kleinen Graben stecken blieb.

Ohne fremde Hilfe wäre sie nicht mehr aus dem Graben hoch gekommen. Zum Glück hatte sie sich bei dem Sturz nicht verletzt.